Leseprobe „Am Ende vom Horizont“

Leseprobe aus der Erzählung „Frau vor der untergehenden Sonne
von Lola Victoria Abco

Langsam ließ das junge Mädchen ihren Blick durch das Café gleiten. Kurze Zeit verweilte sie bei einem Druck von Caspar David Friedrichs Bild „Frau vor der untergehenden Sonne“. Manfred nahm ein Bierglas aus dem Spülwasser. Ohne hinzusehen, polierte er es trocken und stellte es in das Regal über der Theke. Das Mädchen richtete sich ein wenig in ihrem Stuhl auf und wandte sich zur Seite. Manfred fuhr mit seinen Augen ihr Profil ab, die Stirn, die Nase, deren Spitze leicht nach oben zeigte, die Lippen, das ausgeprägte Kinn. Er stellte sich vor wie sie es einem Widersacher entgegen recken würde, wenn sie wütend war. Ihre vollen Lippen würden sich öffnen, vielleicht sich sogar ein wenig verzerren und böse Worte formen. Bei dem Gedanken daran lächelte Manfred.
Die Tür rechts neben der Theke schwang auf. Gespannt wandte sich das Mädchen um. Achtlos ging Gerda an ihr vorbei, servierte dem älteren Paar am Nebentisch Kaffee, Apfelstrudel und Himbeertorte. Das Mädchen begleitete Gerda mit den Augen zurück zur Schwingtür, dann glitt ihr Blick weiter zur Theke. Verwundert betrachtete sie die Unmengen von Seidenblumen, die längs des Tresens drapiert waren. Gerda hatte die Blumen vor langer Zeit dort angebracht. Manfred fand ihren Anblick noch heute lächerlich.
„Geschmacklos!“, hatte er seiner Frau zugerufen.
Unbeirrt hatte sie ihre Dekoration weiter vervollständigt, ohne einen Kommentar oder eine Erklärung abzugeben. Manfred konnte sich auch so denken, weshalb Gerda den Bereich hinter der Theke verdecken wollte.
Immer noch schaute sich das Mädchen die Blumen an. Bewundernd sah Manfred zu wie sie ihre Haare zurück über die Schultern strich, seidige, lange, dunkelblonde Haare.
„Sie sieht aus wie eine Madonna!“, dachte Manfred. Bedächtig nahm er ein weiteres Glas aus dem Wasser.„Warum sitzt jemand wie sie alleine in einem Café?“
Während er die Gläser putzte oder Getränke eingoss, machte sich Manfred oft Gedanken über seine Gäste. Gerda hatte ihm vorgeworfen, er würde die jungen Damen im Café mit den Augen verschlingen. Manfred hatte entgegnet, irgendwohin müsse er doch schauen.
„Immer die jungen Damen! Niemals die anderen Gäste! Du fixierst sie! Du verschlingst sie mit deinen Augen! Manfred, das ist nicht gut!“ Der Ärger hatte Gerdas Gesicht rot gefärbt. „“Die Leute werden dich einen … einen … ach, mir fällt das Wort nicht ein! Es ist nicht gut, Manfred!“
Manfred wusste, welches Wort seine Frau meinte: ein Voyeur. Aber es stimmte nicht. Er ging seinen Aufgaben hinter der Theke nach und schaute dabei in das Café, in sein Café. Was war schon dabei, wenn er sich über den einen oder anderen Gast Gedanken machte? Wo er herkam, was ihn bewegte, wer er war. Stimmte es, dass sein Blick immer bei den jungen Dingern haften blieb? Manfred musste an Gerda denken. So wie sie früher war, als junges Mädchen. Da war sie hübsch anzuschauen gewesen, schlank und fröhlich. Heute war sie dick und hatte Krampfadern.
Wieder schwang die Tür auf. Gerda stellte zwei große Eisbecher auf den Tisch des Mädchens. Im Laufe der Jahre hatte Manfred gelernt, dass die Schlanksten von ihnen oftmals am meisten aßen. Sie bestellten jedoch ein Stück Torte oder ein Eis und erst nach einer Weile ein zweites, nicht aber beides gleichzeitig. Das Mädchen fing seinen Blick auf und zeigte lächelnd nach draußen. Vor der Tür stand ein Mann und sprach gestenreich in sein Handy. Manfred ging ein paar Schritte vor und klopfte an die Fensterscheibe. Fragend schaute ihn der Mann an, erklärend wies Manfred auf das Mädchen mit den beiden Eisbechern. Ohne Eile stellte er sich wieder hinter seine Spüle, das Mädchen schaute zu ihm hoch. Lächelnd nickte sie ihm zu. Sie hatte wunderschöne, weiße Zähne.
„Sie ist wirklich eine Madonna!“, dachte Manfred. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich einmal wütend werden würde.
Inzwischen hatte sich der Mann an den Tisch gesetzt. Während sie ihr Eis aßen, unterhielten sie sich leise. Manfred fragte sich, ob es vielleicht ihr Vater sei. Der Mann war eher klein von Statur, das Mädchen musste aber groß gewachsen sein. Viele Gäste konnten Manfred hinter den Blumen gar nicht sehen, nahmen vielleicht gerade noch seine Stirn oder sein Haar wahr. Nur die Größeren von ihnen konnten sein Gesicht sehen. Sie aber hatte ihn angelächelt und ihn dabei angesehen.
Das Mädchen legte seinen Löffel zur Seite und schaute Manfred regungslos an.
„Ob sie ein Sitzriese ist?“, fragte sich Manfred. Abschätzend betrachtete er ihre Beine, sie waren lang, lang und wohlgeformt. Bewundernd glitt sein Blick von ihren Beinen über ihre Hüften zu ihrem Busen. Wieder schaute er in ihr Gesicht mit den vollen Lippen. Das Mädchen hatte ihre Augen nicht von Manfred abgewandt. Langsam ging ihre rechte Augenbraue in die Höhe. Manfred drehte sich zur Seite, betrachtete nun selber den Druck von Caspar David Friedrich. Aus den Augenwinkeln sah er wie das Mädchen wieder den Löffel aufnahm und ihr Eis aß.
Auf dem Bild war eine Frau zu sehen, dem Betrachter hatte sie den Rücken zugekehrt. Sie stand auf einer Wiese, beide Arme hielt sie leicht erhoben. Ihr Körper verdeckte die untergehende Sonne, deren Strahlen ihren Oberkörper umspielten. Immer, wenn Manfred das Bild ansah, hatte er den Eindruck, dass die Frau darauf nur noch kurze Zeit verharren würde, um dann der untergehenden Sonne mit leichten Schritten entgegen zu gehen. Nach einer Weile verlor das Bild seine Starrheit, der Wind begann die Grashalme zu beugen, Manfred konnte sogar die Vögel zwitschern hören. Die Frau ging immer weiter, ihr bodenlanges Kleid umschmeichelte ihren Körper. Jedes Mal hatte Manfred das Gefühl, er müsse der Frau folgen. Gab er dem Impuls nach und trat ein paar Schritte vor, stieß er gegen die Theke. Die Frau blieb stehen, das Gras wurde unbeweglich und das Zwitschern erstarb.
Plötzlich zuckte Manfred zusammen. Verächtlich schnaubend stand seine Frau ihm gegenüber. Sie mochte das Bild nicht. Genauso wenig wie sie auf Manfreds Bemerkungen zu den Seidenblumen eingegangen war, hatte er sich davon abbringen lassen, es im Gastraum aufzuhängen. Alle anderen Bilder hatte Gerda ausgesucht.
„Maritime Motive passen zu einem Café, das nur 100 Meter von der Nordsee entfernt liegt. Nicht so wie deine Schlafwandlerin in der Landschaft, Manfred!“
Manchmal träumte er sogar nachts von der Frau mit den leicht erhobenen Armen. Der Wind und das Vogelgezwitscher waren dasselbe, aber anders als bei seinen Tagträumen folgte Manfred der Frau. Nachdem sie mit leicht erhobenen Armen fünfzig, sechzig Meter gegangen war, schloss sich Manfred ihr an. Ohne den Abstand zwischen ihnen zu verändern, näherten sie sich gemeinsam der Sonne. Je dichter sie ihr kamen, desto glücklicher fühlte sich Manfred. Während ihres Weges wandte er niemals den Blick von der Frau vor ihm. Die Strahlen der untergehenden Sonne umfingen sie, gaben ihrer Silhouette etwas Heiliges. Obwohl Manfred es nie gesehen hatte, wusste er, dass sie ein wunderschönes Gesicht hatte, jung und makellos.
Wieder hörte Manfred ein Schnauben. Wütend schaute ihn Gerda an, verlangte barsch nach einer Limonade und einem Wasser. Manfred beugte sich hinunter zum Kühlschrank und nahm zwei kleine Flaschen heraus. Als er sich wieder aufrichtete, fiel sein Blick erneut auf das junge Mädchen. Die Sonne schien durch das Fenster, ihre Strahlen tauchten das Mädchen in warmes Licht. Ungeduldig klopfte Gerda auf die Theke. Hastig wandte sich Manfred ab und stellte die Flaschen und zwei Gläser auf das Tablett. Mit eisigem Blick nahm es Gerda auf und ging zum Tisch neben dem Eingang.
In seinem Traum ging die Frau immer weiter und überschritt einen kleinen Hügel. Je länger sie gingen, desto glücklicher war Manfred. Immer wieder endete sein Traum auf die gleiche Weise. Es kam Manfred so vor, als sei er der Frau eine Ewigkeit gefolgt, über die Wiese, den Hügel und immer fort. Dann blieb die Frau stehen, Manfreds Schritte verharrten im selben Moment. Die Frau hob ihren Kopf leicht an, geradeso als wolle sie der Sonne direkt in die Augen sehen. Manfred blieb bewegungslos stehen und sah zu wie sie weiterging und im Nichts verschwand. Dann war sein Traum vorbei. Wach im Bett liegend sehnte sich Manfred danach, der Frau weiter zu folgen und ebenfalls im Nichts zu verschwinden. (…)

 

 

Am Ende vom Horizont
Lola Victoria Abco
Novellen
Taschenbuch, E-Book

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